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Boden des Jahres

Der „Archivboden“ ist der Boden des Jahres 2026

Der Weltbodentag ist ein internationaler Aktionstag, der jährlich am 5. Dezember daran erinnern soll, wie wichtig gesunde Böden für die menschliche Ernährung und für das komplexe Ökosystem der Erde sind. In Deutschland wird zur Unterstützung dieses Anliegens seit 2004 jedes Jahr am 5. Dezember ein Boden des Jahres für das folgende Jahr ausgerufen und im Rahmen einer Festveranstaltung vorgestellt. Mit dieser Verkündigung möchten die bodenkundlichen Fachinstitutionen die Funktionen, die Entstehung und die Gefährdung bestimmter Böden stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. „Archivböden“ wurden gewählt, weil sie auf besondere Weise Natur- und Kulturgeschichte in ihren Schichten bewahren. Das folgende Beispiel aus Thüringen zeigt anschaulich, wie „Archivböden“ entstehen und warum sie so bedeutsam sind.

Die „ertrunkene“ Schwarzerde von Weissensee – ein „Archivboden“ in Thüringen

Das Bodenschutzgesetz schützt unter anderem die Funktion des Bodens als „Archiv der Natur- und Kulturgeschichte“ [BBodSchG §2 (2) Pkt. 2]. Damit ist der Begriff „Archivboden“ verbunden, der jedoch keinen einzelnen Bodentyp meint, sondern ganz unterschiedliche Böden einschließt. Einen „Archivboden“ im wörtlichen Sinne gibt es also nicht.

In Thüringen wurden bei Aufgrabungen immer wieder solche Böden oder deren „begrabene“ Reste in tieferen Schichten gefunden. Ein weltberühmtes Beispiel ist der ehemalige Travertinbruch Ehringsdorf, in dem mehrere Bodenbildungen aus dem pleistozänen Eiszeitalter entdeckt wurden – inklusive prähistorischer Funde. Dieses Beispiel zeigt den Widerspruch, dass wirtschaftliche Tätigkeiten solche „Archiv-Böden“ einerseits zufällig ans Licht bringen, sie aber gleichzeitig zerstören.

Ein jüngeres Beispiel für einen solchen „Archivboden“ ist die „ertrunkene“ Löss-Schwarzerde im Gebiet des ehemaligen „Obersees“ bei Weissensee/Ottenhausen. Auch sie wurde zufällig entdeckt und ist bislang kaum bekannt (Abbildung 1).

Dieses Bodenprofil (Abbildung 1, oben) ist das Ergebnis einer komplexen Abfolge von Prozessen:

Durch Salzauslaugung im geologischen Untergrund entstanden Senken, in denen sich Wasser sammelte und Seen bildete. Diese geologischen Vorgänge führten zur Überdeckung der nacheiszeitlichen holozänen Landoberfläche mit Seesediment und konservierten so Reste der damaligen Böden dieser Gegend. Später kamen durch menschliche Eingriffe – Trockenlegung und landwirtschaftliche Nutzung – zusätzliche Schichten hinzu. Die jüngste Schicht dieses „Archivs“ zeugt davon (siehe Abbildung 1).

Das abgebildete Bodenprofil macht die juristisch-abstrakte Formulierung vom Boden als „Archiv der Natur- und Kulturgeschichte“ auf vielfältige Weise anschaulich:
Es zeigt, entsprechend seiner Entstehung, dass hier sowohl Natur- als auch Kulturgeschichte „archiviert“ ist. Die beiden Pflughorizonte dokumentieren die frühere und heutige landwirtschaftliche Nutzung – einschließlich unterschiedlicher Pflugtiefen. In größerer Tiefe folgt hellgraues Seesediment, das die frühere Gewässerlandschaft belegt.

Dieses Sediment überdeckt ältere Schwarzerde – ein Zeugnis der Steppenlandschaft vor der jungsteinzeitlichen Besiedlung Thüringens – und bestätigt dadurch erneut die Entstehung des Sees.

Die Abfolge der Schichten zeigt, dass die Seeentstehung jünger sein muss als die Bildung der überfluteten Schwarzerde. Diese Schwarzerde entstand durch starke Humusanreicherung im Löss, dessen Eigenschaften wiederum Hinweise auf die Landschaftsgeschichte geben.

Der Löss selbst, ein vom Wind abgelagertes humusfreies Staubsediment, verweist auf noch ältere, kaltzeitliche Kältesteppenbedingungen im Vorfeld des nordischen Inlandeises der Weichselkaltzeit.

Nach dem Ende der lebensfeindlichen Kältesteppe konnte sich im Löss Humus ansammeln – unter milderen Steppenbedingungen mit dichter Vegetation. Die gute Grabbarkeit, Steinarmut und Wasserspeicherfähigkeit des Lösses förderten die Aktivität von Bodenlebewesen wie Regenwürmern und kleinen Säugetieren. Dadurch wurde der Humus in den Löss immer tiefer eingemischt und die charakteristische dunkle Schwarzerde (Tschernosem) bildete sich im oberen Lössbereich. Spuren dieser Einmischung sind heute noch anhand der typischen farblichen Musterung erkennbar (gelb-schwarz im Profil ganz unten; Abbildung 1).

Die günstigen Bedingungen in den Lösslandschaften zogen später auch jungsteinzeitliche Siedler an. Wären in älteren oder jüngeren Schichten zusätzlich prähistorische oder historische Funde vorhanden, würde dies den kulturgeschichtlichen Wert dieses Bodenprofils weiter steigern.

Ein weiterer Aspekt dieses „Archivboden“-Profils ist die Position der Löss-Schwarzerde. Hier wurde sie „begraben“ vorgefunden, als Rest der damaligen Landoberfläche. Heute noch prägt aber Schwarzerde als markanter Reliktboden große Teile des inneren Thüringer Beckens – obwohl dort längst keine natürlichen Steppenbedingungen mehr herrschen, unter denen solche Böden entstehen könnten. Die intensive Nutzung dieser fruchtbaren Landschaft macht besonders deutlich, wie wichtig eine bodenschonende Bewirtschaftung in einer Agrarlandschaft ist. Denn weder Löss noch die daraus entstandene Schwarzerde werden in Thüringen heute noch gebildet. Erosion würde diese wertvollen Böden unwiederbringlich zerstören – sichtbar in Form von abgeschwemmtem Schlamm auf Straßen und in Gräben.

Andere Böden mit „Archiv“-Charakter sind Moorböden, die in Thüringen (noch) gelegentlich vorkommen – teilweise ebenfalls in durch Salzauslaugung entstandenen, vernässten Senken. Ein Beispiel dafür zeigt Abbildung 2 (unten): ein Moorboden aus dem Kranichmoor bei Petriroda. Seine Schichten belegen eine frühere Phase starker Vernässung, in der Torf entstehen konnte. Heute ist die Senke stark entwässert, und der Moorboden ist nur noch ein Relikt der einst sumpfigen Landschaft.

Wie die Schwarzerden landwirtschaftlich genutzt wurden, so wurde das Kranichmoor durch Torfabbau intensiv beansprucht. Was früher nahelag – Böden als Nahrungsquelle oder Energierohstoff zu nutzen – führte oft zu großen Bodenverlusten. Das ausgetorfte Gebiet ist heute ein Teich, der mitsamt Erlenwäldchen und Schilfsaum durch Sedimenteintrag und Austrocknung bedroht ist. Nur behutsame Wasserregulierung und Gewässerpflege könnten hier Verlandung und weiteren Torfverlust verhindern.

Im Gegensatz zur Bodenerosion in Lösslandschaften wäre hier unter günstigen Bedingungen vielleicht sogar wieder neue Torfbildung möglich. Weitere Entwässerung würde jedoch nicht nur „Archivböden“, sondern auch ein Stück Heimatlandschaft gefährden.

Das Bodenprofil zeigt Reste von Moororganismen und „archiviert“ zugleich metallene Geräteteile aus vergangenen Jahrzehnten. Bei weiterem Wassermangel könnte die Substanz des Profils bald vollständig zersetzt sein – wie tiefreichende, keilartige ehemalige Trockenrisse in Schicht II bereits andeuten. Dann wären die Reste der Moorlandschaft und ihr gesamtes „Archiv“ verschwunden – bis auf den enthaltenen „Schrott“. Damit ginge auch ein Stück Heimat verloren.

 

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